21.01.2021 - Unternehmen

WELT Interview mit Martin Krengel

 

Martin Krengel ist seit 35 Jahren im Toilettenpapiergeschäft. Ein Jahr wie dieses hat er noch nie erlebt. Als plötzlich die Aufträge auf seine Firma einprasselten, fuhr er in Supermärkte, um die Hamsterkäufe mit eigenen Augen zu sehen. Ein Gespräch, auch über unterschiedliche Vorlieben.


Wer in Deutschland in einer Drogerie, einem Supermarkt oder Discounter ein No-Name-Toilettenpapier kauft, der hält mit großer Wahrscheinlichkeit ein Produkt der WEPA-Gruppe aus Arnsberg in den Händen. Martin Krengel, 63, leitet das Familienunternehmen in zweiter Generation. Er blickt auf ein wildes Jahr zurück - und eines, in dem Klopapier endlich die "Wertschätzung bekommen hat, die ihm zusteht", wie er sagt.

WELT: Herr Krengel, die erste Frage soll ich für eine Freundin stellen, die darüber seit Jahren einen erbitterten Ehestreit führt: Hängt man die Toilettenpapierrolle mit dem Blatt nach vorn oder nach hinten in die Halterung? Überlegen Sie gut, eine Ehe hängt davon ab ...


Martin Krengel: Haha, da kann ich entspannt als Streitschlichter auftreten. Das ist wirklich eine Geschmacksfrage.


WELT: Echt? Ich hatte ehrlich gesagt gedacht, Sie sagen, das Papier muss nach vorn. Also drehen Sie auch nicht heimlich die Rolle um, wenn Sie irgendwo zu Gast sind?


Krengel: Na doch, wenn es eine hübsche Design-Rolle ist, mach ich das schon. Damit die Rolle besser zur Geltung kommt.


WELT: Sie sind seit 35 Jahren im Klopapiergeschäft ...


Krengel: Ich bevorzuge den Begriff "Hygienepapier".

Sein Beruf sorgte lange für Lacher


WELT: Aha. Okay. Was ich eigentlich fragen wollte: Welche Reaktionen hat es vor dem Jahr 2020 ausgelöst, wenn Sie bei einer Party erzählt haben: "Ich bin im Hygienepapiergeschäft"?


Krengel: Im ersten Moment sorgte das Thema Toilettenpapier immer für Produkt-typisches Amüsement.


WELT: Seit Beginn der Pandemie ist das anders?


Krengel: Ich habe schon immer gesagt, dass Toilettenpapier ein hochspannendes Produkt ist. Das Produkt Toilettenpapier trägt entscheidend zu unserem Hygienebewusstsein und Wohlbefinden bei. Durch die Hamsterkäufe im März hat es die Wertschätzung bekommen, die ihm zusteht.


WELT: Können Sie sich noch an den Tag im März erinnern, als Sie feststellten: Da kommt etwas auf uns zu?


Krengel: Das war ein paar Tage, nachdem die Bundesregierung den ersten Lockdown angekündigt hatte. Wir hatten hier eine Krisensitzung im Haus, weil wir merkten: "Da kommen plötzlich so viele Aufträge auf uns zu. Wie sollen wir die bewältigen?" Das war das Dreifache des normalen Auftragsvolumens, von einem Tag auf den anderen. Ich bin dann erst mal in ein paar Supermärkte gefahren, um mit eigenen Augen zu sehen, was da gerade passiert.


WELT: Hausfrauen, die sich um Klopapier prügeln.


Krengel: Das habe ich nicht gesehen, aber leere Regale. Das war wie ein "Bank Run". Die Zeitungen haben geschrieben: Das Toilettenpapier wird knapp, dann haben sich zwar alle über die anderen Hamster amüsiert, aber trotzdem vorsichtshalber ein paar Packungen extra gekauft. Einige Freunde und Bekannte haben auch bei mir persönlich angerufen und gefragt, ob ich eine Packung für sie übrig habe.


WELT: Wie haben Sie die hohe Nachfrage des Handels gedeckt?


Krengel: Unser Geschäft ist es, für so ziemlich jede Discounter-, Supermarkt- und Drogeriekette des Landes deren Handelsmarken herzustellen. Normalerweise bekommt da jeder individuelle Produkte. Wir haben zusammen mit unseren Kunden einen Notfallplan aufgestellt und die Produkte vorübergehend standardisiert: Rollen mit 200 Blatt, weiß, ohne Druck, verpackt in Zehnerpackungen.
So konnten wir die Maschinen immer durchlaufen lassen, ohne das Programm zu ändern. Sieben Tage, 24 Stunden. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sehr viele Überstunden gemacht und Enormes geleistet. Es gab zu keinem Zeitpunkt einen Produktionsengpass.


Im Mai brach der Markt ein


WELT: Haben Sie dann dementsprechend in diesem Jahr das Geschäft Ihres Lebens gemacht?


Krengel: Nein. Wir werden am Ende dieses Jahres genau so viel Hygienepapier verkauft haben wie in den Jahren zuvor. Die Menschen haben nicht mehr Toilettenpapier verbraucht, sie haben es nur auf Vorrat gekauft. Nach den Hamsterkäufen im März hatten wir dann im Mai einen richtigen Einbruch im Absatz.
Wir haben trotz der enormen Nachfrage unsere Preise nicht erhöht. Gleichzeitig hatten wir hohe Zusatzkosten, weil wir ja zum Beispiel auf einen Schlag sehr viel mehr Lkw buchen mussten. Das hat sich durch den Effizienzgewinn bei der standardisierten Produktion dann aber nun etwas ausgeglichen.


WELT: Gab es in der Geschichte Ihrer Branche jemals zuvor Hamsterkäufe? Im Krieg oder bei der Spanischen Grippe vielleicht?


Krengel: Nein, ich glaube, das ist historisch einzigartig. Mich hat das Ausmaß auch sehr verwundert.
Marihuana in Holland, Kondome in Frankreich


WELT: Die verschiedenen Nationen haben zu Beginn der Pandemie sehr unterschiedliche Prioritäten gesetzt. Die Holländer haben zum Beispiel Marihuana gehamstert, die Österreicher Nagellack, die Spanier Wein, die Franzosen Kondome, die Amerikaner Waffen und die Deutschen Klopapier. Was sagt das über uns?


Krengel: Dass wir bessere Prioritäten setzen im Vergleich zu den Amerikanern? Aber im Ernst: Das ist vermutlich eher eine Frage für Soziologen oder Psychologen. Wir haben in vielen Ländern eine steigende Nachfrage gesehen. Ich erkläre mir das so, dass den Menschen ihr körperliches Wohlbefinden sehr wichtig ist. Für uns war es im Übrigen auch sehr praktisch, dass die Europäer unterschiedlich gehamstert haben. So konnten auch unsere Werke in Frankreich und Polen einen Teil der deutschen Nachfrage abdecken.


WELT: Gibt es denn eigentlich auch jenseits der Pandemie international Unterschiede beim Toilettenpapierverbrauch?


Krengel: Oh ja! Wir Deutschen nutzen durchschnittlich rund sechs Toilettenpapierrollen pro Monat und Person. Internationale Vergleichszahlen gibt es nur für Hygienepapier, also inklusive Küchen-, Kosmetik- und Taschentücher, Handtuchpapier und Servietten. Die Deutschen verbrauchen da pro Jahr 18 Kilo, die Schweden 20 Kilo, die Amerikaner 28 Kilo. In Frankreich sind es dagegen nur 13 Kilo, in den osteuropäischen Ländern jeweils weniger als zehn.


WELT: Wir sind also reinlicher als die Osteuropäer, aber schneller mit dem Ergebnis zufrieden als die Amerikaner?


Krengel: Nein, nein, der abweichende Verbrauch hat unterschiedliche Gründe, etwa die Putztechnik: Wir Deutschen sind eher die Falter, im Ausland wird das Toilettenpapier eher geknüllt. Das hat sich historisch so entwickelt. Dementsprechend wird das Toilettenpapier auch anders gefertigt.


WELT: Stimmt. In den USA und in vielen anderen Ländern ist das Toilettenpapier zweilagig, dafür dann oft auch weicher.


Krengel: Jein. Früher gab es entweder - oder: Weichheit oder Reißfestigkeit. Heute sind wir in der Hygienepapierentwicklung so weit, dass wir dem Verbraucher beides bieten können: Weiches Papier aus drei oder vier Lagen, das gleichzeitig reißfest ist - und das man wunderbar falten kann. Bei dem zweilagigen, eher fluffigen Papier in anderen Ländern haben Sie als Falter keine Chance: Da müssen Sie knüllen, um genug Volumen zu erzeugen.


WELT: Hm, nun benutze ich deutsches Toilettenpapier, bin aber trotzdem eine Knüllerin. Das ist also falsch?


Krengel: Nein, nein, das machen Sie gut. Damit verbrauchen Sie nämlich mehr. Das freut uns Hersteller!


WELT: Gab es eigentlich beim zweiten Lockdown wieder Hamsterkäufe?


Krengel: Nur ein oder zwei Tage, danach haben die Verbraucher wohl gemerkt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt - zumindest, was das Toilettenpapier angeht.


WELT: Dann war ich wohl genau in diesen zwei Tagen einkaufen. Im Supermarkt gab es damals genau noch eine Sorte: ein mit Sprüchen bedrucktes Recyclingpapier, auf dem unter anderem stand: "Nach dem Kacken Händewaschen." Kein Witz. Wer kauft so was ohne Not?


Krengel: Tja. Wahrscheinlich war das Produkt noch im Laden erhältlich, weil es freiwillig eben niemand kauft. So was produzieren wir jedenfalls nicht. Generell sind die Deutschen übrigens eher klassisch unterwegs. Die meisten wollen weißes Toilettenpapier. Osteuropäer oder beispielsweise Franzosen haben es dagegen gern farbig.


WELT: Interessant. Und parfümiertes Toilettenpapier? Kauft das irgendjemand freiwillig? Und wenn ja, warum?


Krengel: Ist auch eher etwas fürs Ausland. In Deutschland machen wir das nur für Sonderaktionen. Zur Fußball-Europameisterschaft haben wir mal ein grünes Toilettenpapier mit Rasenduft verkauft. Das kam als Gag gut an.


WELT: Von 2020 haben ja jetzt eigentlich alle die Nase voll. Träumen wir von der Zukunft. Wie sieht denn die Zukunft des Toilettenpapiers aus?


Krengel: Nachhaltig. Für die Deutschen ist das schon lange ein unheimlich wichtiges Thema, durch die Klimadebatte bekommt das noch einmal einen zusätzlichen Effekt. Rund die Hälfte unserer Konsumenten in Deutschland kauft bereits jetzt umweltbewusst ein: 27 Prozent kaufen 100-prozentiges Recyclingpapier, weitere 25 Prozent kaufen Hybridprodukte, die aus einer Mischung aus Altpapier und Zellstoff gemacht werden.


WELT: Bei Recyclingklopapier habe ich ein Trauma von diesem grauen Schmirgelpapier, das es früher in der Schule gab.


Krengel: So was gibt es auf dem deutschen Markt schon lange nicht mehr. Wir forschen ständig daran, das Verhältnis zwischen Weichheit, Festigkeit und Nachhaltigkeit zu optimieren. Bei den Hybridprodukten werden Sie schon keinerlei Unterschied mehr spüren können zum reinen Zellstoffprodukt. Bei den Produkten aus reinem Altpapier gibt es bei der Flauschigkeit noch Potenzial - der Unterschied ist aber wirklich nur marginal und kaum noch zu erkennen. Sie sehen, es bleibt also spannend.

 

von Tina Kaiser

 

******

 

Die Firma
Die WEPA-Gruppe wurde 1948 von Martin Krengels Vater Paul als Westfälische Papierfabrik in Arnsberg gegründet, zunächst als Handelsunternehmen, später als Verarbeitungsbetrieb. Seit 1958 produziert WEPA Toilettenpapiere. Die Firma stellt hauptsächlich Handelsmarken für Supermärkte und Drogerien her. Mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro, 780.000 Tonnen produziertem Hygienepapier in 13 Fabriken und 4000 Mitarbeitern ist WEPA auf Platz drei der Hersteller in Europa. Marktführer ist der schwedische Konzern Essity mit den Marken Tempo, Tork und Zewa, gefolgt von der italienischen Firma Sofidel mit der Marke Regina.

Der Unternehmer
Genaugenommen, sagt Martin Krengel, sei er eigentlich seit 63 Jahren im Toilettenpapiergeschäft. Denn eigentlich sei er seit seiner Geburt immer in dem Familienunternehmen dabei gewesen. Ursprünglich hatte der Unternehmersohn andere Pläne und wollte gern als Torwart in den Profi-Fußball. Er entschied sich dann doch für ein Jurastudium und stieg vor 35 Jahren bei WEPA ein. Seit fast 20 Jahren führt er die Geschäfte.

© Axel Springer SE

 

Kontakt Teilen